Bernemann, Dirk – Ich hab die Unschuld kotzen sehen

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Kurzbeschreibung
Schon das Vorwort macht klar, was uns erwarten wird. Dirk Bernemann möchte mit seiner kleinen Geschichts- und Gedichtsammlung schockieren und provozieren, dem Leser die rosarote Brille von der Nase stoßen und zeigen, wie (schlecht) die Welt ist, in der wir leben…

libromanie-Rezension
Auf 87 der insgesamt gerade einmal 115 Seiten reiht der Autor 13 Kurzgeschichten aneinander, die recht geschickt miteinander verbunden sind. Das macht die Sache schon allein deshalb interessant, weil man als Leser genauer liest, um zu erraten, welche der Personen aus der jeweiligen Geschichte man in die nächste begleiten wird.
Letztlich sind die Figuren jedoch eher Statisten. Gefühle bringt man für sie bloß selten auf. Das ist aber auch gar nicht gewollt, vielmehr kommt es auf die vertrackten Situationen an, in denen sie sich befinden. Obdachlos, lebensmüde oder impotent, Bernemann’s Figuren balancieren allesamt am Rande des gesellschaftlichen Abgrunds.
Beschrieben wird dies in einfacher, oft vulgärer Sprache, in der man zeitweilig auch das ein oder andere Wortspiel findet.
Insgesamt nimmt die Qualität der Geschichten nach und nach zu. Während die ersten beiden Geschichten in Kombination noch völlig überspitzt an der Realität vorbeigehen, nähern sich die weiteren Texte immer mehr den Begebenheiten an, die wir vielleicht schon eher aus dem eigenen Umfeld oder zumindest aus den Medien kennen.
Dennoch fehlt den Geschichten jegliche Tiefe. Dies liegt allerdings nicht allein an der Kürze der einzelnen Texte, sondern an der Tatsache, dass der Autor gar nicht die Intention hat, den Leser zwischen den Zeilen lesen zu lassen. Jegliche Analyse- oder Interpretationsversuche gehen ins Leere.

Die anschließend folgenden 17 Gedichte sind teilweise inhaltlich schwer verständlich und aufgrund des oft fehlenden Reimschemas bzw. unkenntlichen Rhythmus nicht immer leicht lesbar. Überdeutlich wird jedoch die Kritik an Medien und Kapitalismus. Ein Lösungsansatz wird allerdings nicht geboten, wenn man von ‘Aufrufen zur Revolution’ einmal absieht.
Im Gegensatz zu den Geschichten fällt die auch hier verwendete Fäkalsprache eher negativ auf. Während sie sich im Prosateil noch dadurch rechtfertigt, dass sie den Protagonisten in den Kopf/Mund gelegt wird, hätte ich mir im Lyrikteil gewünscht, der Autor hätte auf bestimmte Ausdrücke und persönliche Beleidigungen verzichtet, da er hier, dem Anschein nach, seine persönlichen Gedanken und Meinungen direkt äußert.

FAZIT: Insgesamt lässt mich dieses Buch ein wenig zwiespältig zurück. Zur bloßen Unterhaltung dient es nicht, als Augenöffner hätte ich es allerdings auch nicht benötigt. Welcher Mensch mit rosa Brille kauft schon ein Buch mit diesem Titel? Und dennoch, es hat was. Zumindest so viel, dass es neugierig macht auf den zweiten Teil.

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