Barbery, Muriel – Die Eleganz des Igels

Originaltitel: L’ élégance du hérisson
Genre: Sonstige Belletristik
Reihe: -
Verlag: Dtv (2008)
Übersetzung: Gabriela Zehnder
ISBN: 9783423246583
Seiten: 363
Website der Autorin: -

Kurzbeschreibung
Der große Bestseller aus Frankreich: Muriel Barbery’s Roman über eine kleine, hässliche, aber ungemein gebildete Concierge in Paris und eine altkluge Tochter reicher Eltern. Hinreißend komisch und zuweilen bitterböse erzählen die beiden sehr sympathischen Figuren von ihrem Leben, ihren Nachbarn im Stadtpalais, von Musik und Mangas, von Gott und der Welt. Eine großartige Gesellschaftssatire, ein sehr intelligenter Führer durch Kunst und Philosophie, die höchst unterhaltsame und anrührende Geschichte zweier Außenseiter.

libromanie-Rezension
Obwohl sie hoch intelligent ist, arbeitet die 54jährige Witwe Renée seit vielen Jahren in einem Pariser Wohnkomplex für die Schönen und Reichen und versteckt sich hinter der Fassade der unscheinbaren, dicklichen und dümmlichen Concierge.
Die 12jährige Paloma, Tochter reicher Eltern, lebt nicht nur im selben Haus wie Renée, sondern ist ebenfalls mit überdurchschnittlicher Intelligenz gesegnet. Oder gestraft, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, denn Paloma meint die Welt der Erwachsenen durchschaut zu haben. Da ihr ein solches Leben nicht erstrebenswert scheint, beschließt sie, sich an ihrem 13. Geburtstag umzubringen.

Der Einstieg in die Geschichte fiel mir verhältnismäßig schwer, denn die Charaktere waren mir anfänglich überhaupt nicht sympathisch. Paloma wirkt altklug und Renée’s Erzählton ist sehr frustriert. Hinzu kommen der verschachtelte Satzbau und die zu Beginn des Buches etwas zu stark im Vordergrund stehenden philosophischen Ausführungen, in denen sich zwar viel Wahres finden lässt, die aber sehr viel Konzentration erfordern und teilweise etwas aufgesetzt wirken.
Dies ändert sich, als ein neuer Bewohner in die Rue Grenelle zieht. Mit ihm kommt nicht nur mehr Schwung in das Leben von Renée und Paloma, sondern auch in die Geschichte. Endlich haben die Beiden nicht mehr nur sich selbst und ihre Gedanken und fangen an, aktiver am Leben teilzuhaben, statt alles nur in der Theorie zu sehen. Indem sie sich weiterentwickeln und ihr Schneckenhaus nach und nach verlassen, werden sie wesentlich natürlicher und menschlicher, sodass es mir viel leichter fiel, mit ihnen mitzufühlen.
Besonders Paloma’s Tagebuchauszüge und ihr schnippischer Tonfall haben mir sehr gut gefallen. Auch wenn ihre Abgebrühtheit und ihr Intellekt für ein Mädchen von gerade mal 12 Jahren etwas übertrieben scheinen, trifft sie den Nagel häufig auf den Kopf und brachte mich mit einigen Ausführungen richtig zum Lachen. Darüber hinaus gab es aber auch einige tragische Momente, sodass das Buch nicht nur meinen Kopf forderte, sondern mich auch emotional berührte.

Etwas schade ist, dass Muriel Barbery es manchmal aber ein bisschen übertrieben hat. Nicht nur die Charaktere sind in ihrem Außenseiterdasein etwas zu extrem dargestellt, auch das Sprachniveau wirkt stellenweise unnatürlich gehoben. Zwar ist die Ausdrucksweise der Charaktere deren Intelligenz angepasst, sodass die Verwendung der vielen Fremdwörter durchaus legitim ist. Wenn aber der Kater den Sessel kolonisiert, statt einfach darauf zu liegen, finde ich das nur noch unnötig.

Insgesamt betrachtet ist ‘Die Eleganz des Igels’ ein anspruchsvolles, gesellschaftskritisches Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte. Erst dann erkennt man, dass hinter der eher spröden Fassade viel mehr steckt, als es eigentlich den Anschein hat.
Wer darauf allerdings keine Lust hat und die vielen gebotenen Ansätze nicht gedanklich weiterverfolgen mag, sondern nur eine spannende Geschichte lesen möchte, wird wahrscheinlich keine große Freude an dem Buch haben.

Bewertung: 4ratten.png

Übrigens: Der Vergleich mit ‘Zusammen ist man weniger allein’ von Anna Gavalda hinkt nicht nur, der stinkt.

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5 Responses to Barbery, Muriel – Die Eleganz des Igels

  1. ri sagt:

    Hihi… es ist definitiv kein im-Zug-Lesen-Buch, das hab ich festgestellt. Daher liegt es wieder auf den SUB und wartet auf einen schönen Abend mit nem leckerem Kakao. :-)

  2. emp sagt:

    Den Gavalda-Vergleich habe ich zwar selbst nicht verwendet, aber daran gedacht habe ich schon. Ich glaube, das lag daran, dass ich von beiden Büchern bezaubert war. Mir ist der Einstieg bei Barbery nicht schwer gefallen, sie hatte mich gleich fest im Griff. Gavalda ist simpler, das stimmt schon, aber im groben Aufbau – Außenseiter, Retter, kitschige Passagen – gibt es durchaus Ähnlichkeiten. Ebenso in der Atmosphäre.

  3. Nina sagt:

    Von dem Vergleich hatte ich gelesen und er war u.a. ein Grund dafür, weshalb ich das Buch lesen wollte. Außer, dass beide Autorinnen aus Frankreich stammen, konnte ich allerdings keine Gemeinsamkeit entdecken.

    Für mich richten sich Anna Gavalda’s Bücher schon an eine ganz andere Leserschaft. Ihre Figuren sind viel näher am Leben und somit menschlicher, ebenso wie ihre Sprache nicht nur simpler, sondern auch weniger distanziert ist. Gavalda erzählt für mich unterhalsame, wenn auch tiefergehende Geschichten, während hinter ‘Der Eleganz des Igels’ viel mehr steckt und das Buch wesentlich mehr Freiraum für Interpretationen bietet. Sowohl sprachlich als auch in literarischer Hinsicht bewegt sich Muriel Barbery für mich auf einem ganz anderen Niveau. Gavalda würde ich Wenig-Lesern empfehlen, Barbery nicht. Ersteres habe ich beim Lesen genossen, der Wert des letzteren erschloss sich mir erst, nachdem ich das Buch eine Weile habe sacken lassen.

    Aber das ist natürlich auch nur mein persönliches Empfinden. Wobei, Gavalda kann man durchaus im Zug lesen. ;)

  4. Bea sagt:

    Ich habe inzwischen mehrfach versucht, einen Einstieg in dieses Buch zu finden. Bisher leider vergeblich, aber noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben. Es bekommt auf jeden Fall noch eine Chance. Irgendwann.

  5. Harald sagt:

    Vielen Dank für Deine Rezension!
    Ich habe ‘Die Eleganz des Igels’ mit großem Vergnügen gelesen (und rezensiert: http://biblionomicon.blogspot.com/2009/08/eine-unauffallige-perle-die-eleganz-des.html ). Allerdings hat mich gerade die sprachliche Ausdrucksstärke und der sprachliche Ideenreichtum dieses Buches – neben der bemerkenswerten Geschichte – begeistert. Von den in diesem Jahr gelesenen Büchern bekommt es von mir einen Platz ganz oben in der Bestenliste. Aber es ist eben weder ein Buch für “Jedermann” noch für “jede Gelegenheit”, sondern es fordert seinen Leser und stößt auf vielfältige Weise zum Nachdenken an.

    Viele Grüße,
    Harald

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