In ihrer Blogparade möchte Lyra wissen, warum wir lesen. Was genau es ist, das uns zu einem Buch greifen lässt.
Die Antwort darauf ist gar nicht mal so einfach in Worte zu fassen.
Faszination Buch
Seit ich denken kann, üben Bücher auf ein mich eine besondere Faszination aus. Als Kind habe ich meine Eltern fast in den Wahnsinn getrieben, weil ich einfach nicht gegessen habe, wenn mir währenddessen nicht wenigstens 2 bis 3 Pixi-Bücher vorgelesen wurden. Immer wieder. Bis ich sie aufwendig mitsprechen konnte und man der Verwandtschaft weismachen konnte, ich könne – obwohl noch nicht mal im Kindergartenalter – bereits lesen.
Nachdem ich es dann aber richtig gelernt hatte, war kein Buch mehr vor mir sicher. Buch? Nein, jeder einzelne Buchstabe, ob in der Zeitung, auf der Zahnpastatube oder eben im Roman wird gnadenlos aufgesaugt.
Aber warum? Was genau macht den Reiz aus, alles zu verschlingen, was ich zwischen die Finger bekomme? Ist es so, wie es uns Bücherwürmern hier und da gerne unterstellt wird? Weil ich der Realität entfliehen möchte, weil mein eigenes Leben mich langweilt und ich mich deswegen an fremden Abenteuern ergötzen muss? Beileibe nicht! Ich habe immer was zu erzählen. Selbst, wenn es nichts zu erzählen gibt. Langeweile ist mir ein Fremdwort.
Was ist es dann?
Sog der Sprache
Mich beeindruckt ungemein, wie ein mir fremder Mensch es schafft, mich aus dem Hier und Jetzt zu entführen, einfach, indem er einzelne Worte aneinanderreiht. Wie aus diesen Worten Sätze werden, die mir den Weg in eine völlig neue Welt ebnen. Eine Welt, die zwar für jeden offen steht, die aber trotzdem auch meine ganz persönliche ist, weil ich sie mir so erschaffen kann, wie es mir gefällt. Klar bietet sich mir immer ein mehr oder weniger dichtes Gerüst, aber die dazugehörigen Bilder schaffe ich mir selbst. Vor meinem geistigen Auge. In meinem Kopf. Da sind sie, nur für mich.
Manchmal mag ich aber auch einfach nur den Klang der Sprache, wiederhole einzelne Sätze immer wieder – weil sie sich so gut anfühlen.
Neugier
Ich lese zum Vergnügen, um Wartezeit tot zu schlagen, um abzuschalten und nach einem stressigen Tag wieder runterzukommen.
Aber auch, um mich zu bilden. Wobei wir beim zweiten Punkt wären, der mich antreibt: Meine unstillbare Neugier.
Ich selbst kann in einem einzigen Leben die Erde nicht komplett bereisen, sämtliche Berufe erlernen, alle Ängste und Träume der Menschheit durchleben. Bücher machen so viel mehr möglich, erlauben mir einen Einblick in andere Zeiten und Länder, fremde Schicksale; in Bereiche, zu denen ich sonst keinen Zutritt habe.
Jedes Buch ist ein kleiner Schatz – an Emotionen, an Wissen (auch auf sprachlicher Ebene) – den ich mir einverleibe.
Ein Stück Nahrung für meinen unersättlichen Geist. Kein Ersatz, aber eine Bereicherung für mein Leben.




9 Comments
Wow Nina! Wirklich ein toller, informativer und tiefgründiger Beitrag, der es treffender wohl kaum beschreiben kann! Regt sehr zum Mitfühlen an
Apropos Mitgehfühl: Herzliches Beileid wegen des Rads… ziemlich blöd
Schönes WE!
Katrin
Danke Luci! Dir auch ein schönes Wochenende!
Freut mich, dass ich meine Gedanken zu dem Thema scheinbar ganz gut rüberbringen konnte. War wirklich gar nicht so einfach, dem Sinn des Lesens auf den Grund zu gehen. Und das, obwohl man von einer Turbo-Leseratte eigentlich erwarten würde, dass die Antwort wie aus der Pistole geschossen kommt.
Ein sehr schöner Beitrag, am besten gefällt mir ja dieser Teil:
“Ich selbst kann in einem einzigen Leben die Erde nicht komplett bereisen, sämtliche Berufe erlernen, alle Ängste und Träume der Menschheit durchleben. Bücher machen so viel mehr möglich, erlauben mir einen Einblick in andere Zeiten und Länder, fremde Schicksale; in Bereiche, zu denen ich sonst keinen Zutritt habe.
Jedes Buch ist ein kleiner Schatz – an Emotionen, an Wissen (auch auf sprachlicher Ebene) – den ich mir einverleibe.
Ein Stück Nahrung für meinen unersättlichen Geist. Kein Ersatz, aber eine Bereicherung für mein Leben.”
Das drückt, meiner Meinung nach, alles aus…darf ich mir den Teil ausdrucken (mit deinem Namen natürlich) und aufhängen? *rotwerd*
Wow, Du hast Dir aber wirklich Gedanken gemacht. Sehr schöner Text!
@ Seelendieb
Deinen Namen – und die Erklärung dazu – finde ich übrigens total super!
Dankeschön!
@ Katha
Immerhin wollte sich noch nie jemand einen Text von mir ausdrucken. Geschweige denn an die Wand hängen. Meinetwegen kannst du damit machen, was du möchtest. Und ich freu mich derweil, dass ich scheinbar die richtigen Worte gefunden habe.
Also, wenn hier einer rot werden muss, dann ja wohl ich.
Ich stieß beim Lernen gerade auf folgende Erklärung:
“Lesen dient der Erfüllung von motivational-emotionalen Erlebnisbedürfnissen des Individuums. Es hat die Fähigkeit zu entwickeln, aus der Rezeption jeglicher (auch pragmatischer) Literatur Genuss als persönliches Glückerleben bzw. Lebensfreude zu gewinnen, wobei die
ästhetische bzw. gehaltliche Qualität der Ausgangstexte für die Erfüllung der ‚Erlebnisnorm’ eine nachrangige Rolle spielt.”
Das trifft auf mich völlig zu, auch wenn ich finde, dass die gehaltliche Qualität im Bezug auf Genuss doch eher eine vorrangige Rolle spielt, aber im Auge des Rezipienten liegt
Ist es nicht schön, wenn man sich beim Lernen mit sowas beschäftigen darf? Ich finde Lesesozialisation total interessant.
Beste Grüße!
Katrin
Zitat Teil 2, dieses Mal sogar mit Quelle!
Pennac, Daniel: Wie ein Roman. (2004)
“Die Erziehungspflicht besteht im Grunde darin, den Kindern das Lesen
beizubringen, sie in die Literatur einzuführen, ihnen die Mittel zur
Verfügung zu stellen, so dass sie frei beurteilen können, ob sie das
Bedürfnis nach Büchern empfinden oder nicht. Man kann zwar ohne
weiteres zulassen, dass jemand das Lesen ablehnt, aber es ist
unerträglich, dass er vom Lesen abgewiesen wird oder sich abgewiesen
glaubt. Es ist unendlich traurig, es ist eine Einsamkeit in der Einsamkeit,
von Büchern ausgeschlossen zu sein – die inbegriffen, auf die man
verzichten kann.”
Einsamkeit trifft es wohl wie die Faust aufs Auge
Das ist echt mal ein interessantes Thema. Aber ob es rechtens ist, die Auszüge hier zu veröffentlichen… Hm.
Jedenfalls kann ich besonders den Punkt mit der Einsamkeit sehr gut nachvollziehen. Unvorstellbar, wovon man alles ausgeschlossen wäre, wenn man nicht lesen würde.
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