[Rezension] Giordano, Paolo – Die Einsamkeit der Primzahlen

Originaltitel: La solitudine dei numeri primi
Genre: Sonstige Belletristik
Reihe: -
Verlag: Blessing (2oo9)
Übersetzung: Bruno Genzler
ISBN: 9783896673978
Seiten: 364
Website des Autors: -

Kurzbeschreibung

Ein einziger Tag in ihrer Kindheit, so scheint es, hat über ihr ganzes Leben entschieden. An einem solchen Tag verlor Alice für immer ihre Unbeschwertheit und das Vertrauen zu ihrem halsstarrigen Vater. Mattia hingegen verlor mit sechs Jahren seine Schwester, deren Hilfsbedürftigkeit er ein einziges Mal, für wenige Stunden, missachtet hatte. Seither quälen ihn Schuldgefühle, die er niemandem offenbart.
Sieben Jahre später lernen Mattia und Alice sich auf dem Gymnasium kennen. Die Anziehungskraft zwischen den beiden scheint unwiderstehlich. Jeder erkennt im anderen die eigene Einsamkeit. Alice ist der einzige Mensch, dem Mattia wenigstens einmal seinen Schmerz zu offenbaren wagt. Und umgekehrt würde sie nie einen anderen als ihn bitten, das Tattoo von ihrer Haut zu entfernen, mit dem sie ihre inneren Wunden gleichsam übermalen wollte. Doch mit den Jahren werden die Hindernisse, die die beiden einander unbewusst in den Weg legen, höher und höher. Bis sie sich entscheiden müssen.

Rezension

Nach dem Motto »Es waren zwei Königskinder…« erzählt Paolo Giordano in seinem Debütroman, der 2oo8 mit Italiens renommiertestem Literaturpreis Premio Strega ausgezeichnet wurde, die Geschichte von Alice und Mattia, Königskinder oder eben Primzahlen, die eigentlich zueinander gehören, aber sich einfach nicht finden können.

Beide Charaktere sind Außenseiter. So sehr Alice auch versucht, dazu zu gehören, es gelingt ihr einfach nicht. Ein Unfall in ihrer Kindheit, für den sie ihrem Vater die Schuld gibt, hat sie nicht nur die Beweglichkeit eines ihrer Beine einbüßen lassen, sondern auch einen tiefen Riss in ihrer Seele verursacht. Ihr Bestreben nach Normalität gipfelt in Magersucht, Ärger mit den Eltern und immer weiteren Demütigungen.
Mattia hingegen grenzt sich selbst von vornherein aus. Nachdem seine behinderte Zwillingsschwester mit sechs Jahren aus seiner Obhut verschwand, kapselt er sich immer mehr ab und verleiht seinem Schmerz heimlich Ausdruck, indem er anfängt, sich selbst zu verletzten.
Einzig Alice schafft es, nach und nach zu ihm durchzudringen, auch wenn sie lange nur an der Oberfläche kratzt und nicht ganz klar ist, welche Absichten sie dabei hegt.

Von 1983 bis 2007 begleitet der Leser Mattia und Alice auf ihrem Lebensweg, den letztlich jeder für sich bestreiten soll, ohne dass der Kontakt zum anderen aber völlig abbricht.
Hierbei rückt der Autor nicht nur seine Figuren in die Rolle der unglückseligen Primzahlen, sondern gibt auch dem Leser das Gefühl, Mattia und Alice über all die Jahre und Seiten hinweg nur sehr bedingt nahe kommen zu können, obwohl er ihn doch erstaunlich tief in ihre traumatisierte Psyche blicken lässt.
Giordanos Sprache ist schnörkellos und klar, hält den Leser kühl auf Distanz, ist aber gleichzeitig eindringlich und ruft intensive Bilder hervor, wenngleich diese – bestärkt durch die teilweise großen Zeitsprünge – vielmehr Momentaufnahmen darstellen. Augenblicke, in denen Alice aufdringlich und Mattia zu passiv ist, um sympathisch zu sein – und doch fühlt man mit ihnen und verfolgt ohnmächtig, wie die beiden Helden sich in ihr Unglück manövrieren, weil sie vielleicht auch nicht anders können.

Auch wenn am Ende ein leichter Hoffnungsschimmer aufglimmt, ist »Die Einsamkeit der Primzahlen« definitiv keine Lektüre für schwermütige Zeiten, denn das ungute Gefühl, dass da etwas völlig falsch läuft, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und lässt den Leser aufgewühlt und vor allem traurig zurück.

FAZIT: Eine tragische (Liebes)Geschichte, die schon nach den ersten beiden Kapiteln schwer im Magen liegt und trotzdem (oder gerade deshalb) schön zu lesen ist.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Rezensionen und getaggt als . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

5 Responses to [Rezension] Giordano, Paolo – Die Einsamkeit der Primzahlen

  1. flattersatz sagt:

    Ich habe das Buch ja auch schon vorgestellt, meine Einschätzung war damals nicht so positiv wie deine, da ich den Roman aus einem etwas anderen Blickwinkel angeschaut habe. Für mich war es ein Wunder, wie die Menschen in der Umgebung von Matti und Alice verkannt haben, daß die beiden einfach “nur” in der Seele krank sind… (Auch ein Alice im Wunderland…. )

    Es ist aber auf jeden Fall ein lesenswertes Buch, ein nachdenkliches machendes dazu …

  2. Nina sagt:

    Danke für den Link! Werde mir deine Besprechung gleich durchlesen, wenn ich von der Arbeit komme. Bin gerade auf dem Sprung.

    So viel aber schon mal an dieser Stelle: Für mich war es gar nicht mal so ein Wunder, dass niemand den beiden geholfen hat. Ihre Familien hatten ihre eigene Schuldgefühle, eigenen Kummer, der sich immer weiter aufgestaut hat und so haben sie wahrscheinlich einfach die Augen verschlossen, um nicht zu sehen, was offensichtlich war. Ich befürchte, das ist leider gar nicht unrealistisch, so traurig das auch ist.

  3. Danke für die spannende Rezension und damit für den tollen Tipp, liebe Nina. Dieses Buch werde ich mir gleich bestellen. Die Geschichte interessiert mich sehr und Giordano wollte ich schon lange etwas lesen.

  4. Nina sagt:

    @ Svenja
    Das freut mich! :) Aber wie gesagt, es ist schon ganz schön traurig. Weil du doch irgendwann mal geschrieben hast, traurige Bücher sind nicht so dein Fall.

  5. cool, super rezi! habe mir das buch als TB gekauft und als couchlektüre zwischen den jahren vorgemerkt. schon sehr gespannt.

    viele grüße, m.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>