[Rezension] Lovric, Michelle – Melodie der Meerjungfrauen

Originaltitel: The Undrowned Child
Genre: Kinder-/Jugendbuch [ab 12]
Verlag: Loewe (2o1o)
Übersetzung: Barbara Abedi
ISBN: 9783785568705
Seiten: 510
Website der Autorin: www.michellelovric.com

Kurzbeschreibung

Im Sommer 1899 erfüllt sich Teos größter Wunsch. Sie reist mit ihrer Familie nach Venedig, in die Stadt der Gondeln, Kanäle und Palazzi. Doch der Anlass der Reise ist ernst: Venedig droht im Meer zu versinken und Teos Eltern, zwei Wissenschaftler, sollen nach einer Lösung des Problems suchen.
Dass ihr Schicksal eng mit der Lagunenstadt verknüpft ist, ahnt Teo nicht – bis ihr ‘Der Schlüssel zur geheimen Stadt’ in die Hände fällt. Das Buch entführt Teo ins Reich der Meerjungfrauen, wo sie bei einer Tasse Seetangkakao schier Unglaubliches erfährt: Laut einer uralten Prophezeiung soll sie dazu auserwählt sein, Venedig zu retten…

Rezension

Bei ihren Klassenkameraden ist Teo(dora) als langweiliger Bücherwurm verschrien, dabei hat das nach außen so scheue Mädchen ganz außergewöhnliche Fähigkeiten: Teo hat nicht nur ein fotografisches Gedächtnis und kann Texte auch lesen, wenn sie auf dem Kopf stehen, sie ist darüber hinaus eine Vedeparole und eine Lettrice-del-cuore, was bedeutet, dass sie den Menschen, die sie berührt, direkt ins Herz sehen kann und gesprochene Worte über dem Kopf ihres Gegenübers geschrieben stehen sieht.
Als Venedig im Meer zu versinken droht, reist sie mit ihren Eltern, zwei Wissenschaftlern, in die Lagunenstadt, um diese vor ihrem traurigen Schicksal zu bewahren. Doch die Erwachsenen können sich die mysteriösen Veränderungen in der Stadt einfach nicht erklären und so macht sich Teo mithilfe eines Buches, einem Jungen und einer Gruppe aufmüpfiger Meerjungfrauen auf, die Stadt zu retten…

Statt nun gemütlich in ein märchenhaftes Abenteuer einzutauchen, hetzt man an der Seite einer unsagbar naiven Teo durch die kurzen Kapitel mit etlichen Zeit- und Szenenwechseln, stolpert über Logikfehler und sprachliche Missgeschicke und hat kaum Zeit dazu, Luft zu holen und die vielen eigentlich richtig guten Ideen der Autorin gedanklich zu sortieren. So erhält man auch erst im Anhang einen klaren Überblick darüber, wie viele historisch belegte Fakten Michelle Lovric mit ihrer Geschichte verwoben hat und wie viel Potential in dem Buch steckt, das sich an den wenigen ruhigeren Stellen durchaus auch zeigt.

Aber obwohl die Autorin bereits zahlreiche (historische) Romane veröffentlicht hat und ihr Handwerk verstehen dürfte, gelingt es ihr – trotz lebendiger Beschreibung des Schauplatzes – einfach nicht, eine dem Jahr 1899 angemessene Atmosphäre zu schaffen. Worte wie In-Clique sind hier einfach fehl am Platz.
Leider sind auch die Figuren äußerst schablonenhaft geraten, agieren nicht immer nachvollziehbar und zeigen besonders in den Dialogen, wie weit sie von Menschen aus Fleisch und Blut entfernt sind.
Auch die meisten Fabelwesen sind – kaum dass sie aufgetreten sind – auch schon wieder verschwunden. Einzig die Meerjungfrauen und diverse Geister werden etwas ausführlicher beschrieben und sorgen mit ihrer unkonventionellen Art für ein paar lustige Momente, die zwischen gruseligen Haiattacken und Monsterjagden auch dringend nötig sind.

Dass es sich bei dem Roman um ein Kinderbuch handelt, darf hier meines Erachtens nicht als Entschuldigung gelten. Im Hinblick auf die junge Zielgruppe lässt sich vielleicht noch erklären, warum sämtliche aufgeworfenen Probleme drei Seiten später wieder gelöst werden. Dann bleibt mir aber schleierhaft, warum das Buch so entsetzlich brutal ist. Abgeschlagene Köpfe, unfreiwilliges Ablösen der Haut vom Körper, entstellte Kinderfresser… Das bekomme ich so detailliert und häufig noch nicht mal als ausgewachsene Leseratte gerne vorgesetzt.
Hinzu kommt die Frage, warum die Königin der Meerjungfrauen die Groß- und Kleinschreibung nicht einhält. Die willkürliche Schreibweise stört den Lesefluss ungemein und Kindern mit Rechtschreibschwäche tut man damit sicher auch keinen Gefallen.

FAZIT: Alles in allem eine herbe Enttäuschung, über die die wunderschöne Aufmachung (Cover mit Prägung und Spottlack, Lesebändchen, Vignetten vor den Kapitelanfängen und historischer Stadtplan) nicht hinwegtröstet.
Nur gut, dass die Geschichte in sich abgeschlossen ist, denn so kann ich mir die Fortsetzung getrost sparen.

2 Comments

  • 12. April 2010 - 13:28 | Permalink

    Wie ich sehe, war es an der Zeit für einen Farbwechsel. :) Sehr schön!
    Schade für das schöne Cover, dass der Inhalt nicht ganz so gut war.
    Wünsche Dir einen guten Unistart!

    Liebe Grüße,
    Mandy

  • 12. April 2010 - 23:46 | Permalink

    Es heißt ja immer »Never judge a book by its cover«, aber ich muss gestehen, dass eine tolle Aufmachung meine Erwartungen gleich noch mal ein Stück steigert und die Enttäuschung dann entsprechend größer ist.

    Was den Header angeht…. Bald ist Bloggeburtstag. Da kann man sich ja mal ein bisschen was rausputzen. :mrgreen:
    Schön, wenn’s gefällt!

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