[Rezension] Palma, Félix J. – Die Landkarte der Zeit

Originaltitel: El Mapa del Tiempo
Genre: Sonstige Belletristik
Reihe: -
Verlag: Kindler (2o1o)
Übersetzung: Willi Zurbrüggen
ISBN: 9783463405773
Seiten: 715
Website des Autors: www.felixjpalma.es

Kurzbeschreibung

Andrew hat seine große Liebe verloren und macht eine Zeitreise, um sie wieder zu gewinnen. Claire langweilt sich im viktorianischen London und verliebt sich in einen Mann aus der Zukunft. Inspektor Garrett jagt einen zeitreisenden Mörder.
Alle Fäden laufen zusammen bei einem dämonischen Bibliothekar. Denn er kennt das Geheimnis der Landkarte der Zeit. Gibt es die Zeitreisenden wirklich oder ist alles nur Illusion?

Rezension

Wir befinden uns im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Gerade ist der neueste Roman »Die Zeitmaschine« von H.G. Wells erschienen, der die Menschen vor die Frage stellt: Sind Zeitreisen wirklich möglich? Schließlich ist der technische Fortschritt unaufhaltsam und dem Unternehmen Zeitreise Murray scheint tatsächlich der Durchbruch gelungen zu sein…

Vor diesem Hintergrund erzählt der spanische Autor Félix J. Palma eine Abenteuergeschichte, wie es sie leider viel zu selten gibt. Genauer gesagt erzählt er eigentlich drei Geschichten: Der wohlhabende Fabrikantensohn Andrew trauert um seine heimliche Geliebte Mary Kelley. Die Prostituierte wurde von keinem Geringerem als Jack the Ripper brutal ermordert. Acht Jahre nach ihrem Tod reist er in die Vergangenheit, um die Tat zu verhindern.
Die junge und rebellische Claire wehrt sich gegen die Zwänge der strengen viktorianischen Gesellschaft und plant eine Flucht in die Zukunft. Im Jahr 2ooo verliebt sie sich in Hauptmann Derek Shackleton, den Retter der Menschheit, der ihr später in ihrer eigenen Zeit zufällig über den Weg laufen soll.
In der dritten und letzten Geschichte jagt Scotland-Yard-Inspektor Garrett einen Mörder, der seine Opfer mit einer Waffe tötet, die 1896 noch gar nicht erfunden war. In der Annahme, dass der Täter aus der Zukunft kommen muss, reist er ins Jahr 2ooo, um ihn festzunehmen, bevor er die Morde begehen kann.

Müsste ich »Die Landkarte der Zeit« mit einem Wort beschreiben, so würde ich sagen: Überraschend. Der Roman entwickelte sich in eine ganz andere Richtung als ich vermutet hatte. Ohnehin ist es schwer, ihn in ein Genre einzuordnen. Krimi? Science-Fiction? Liebesgeschichte oder historischer Roman? »Die Landkarte der Zeit« bietet von allem etwas.
Es gibt immer wieder unvorhersehbare Wendungen. Vor allem aber wäre ich nie und nimmer auf die Idee gekommen, dass Dreh- und Angelpunkt der Erzählung H.G. Wells sein wird. Er ist die Schlüsselfigur, die die Geschichten zusammenhält. Haben die anderen Charaktere ihr persönliches Abenteuer erlebt, lässt man sie zurück und begegnet ihnen im weiteren Verlauf des Romans nur noch selten. Sie sind zwar einigermaßen stark gezeichnet, bleiben aber deutlich hinter Wells zurück, der – ausgestattet mit positiven wie negativen Eigenschaften – die rundeste Figur in der Geschichte darstellt.

Sprachlich ist der Roman eher anspruchsvoll mit vielen Ausschmückungen und Schachtelsätzen, aber durchaus ein Genuss und auch trotz Anpassung an die damalige Zeit gut lesbar. Ein bisschen erinnert Palmas Stil an Carlos Ruiz Zafón. Er hat Charme und Witz und zeichnet ein farbenprächtiges Bild des historischen Londons. Indem er Personen und Ereignisse der Zeitgeschichte in die fiktive Handlung einbaut, schafft er eine dichte Atmosphäre und macht dem Leser eine zusätzliche Freude, etwa wenn er ihn u.a. auf Bram Stoker treffen lässt.

Am meisten besticht der Roman für mich allerdings durch seinen ungewöhnlichen, allwissenden Erzähler, dem man völlig ausgeliefert ist und mehr als einmal auf den Leim geht. Gleich zu Beginn spricht er den Leser an und macht ihm klar, dass er derjenige ist, der die Geschichte erzählt und dass er sie so erzählt, wie er es für das Beste hält. So kann es passieren, dass man eine Szene plötzlich verlässt, um den Figuren ihre Privatsphäre zu lassen, dieselbe Szene später aber detailliert beschrieben bekommt, weil die Vorgänge aufgrund der Geschehnisse in der Zwischenzeit doch von Bedeutung geworden sind.
In manchen Momenten hatte ich das Gefühl, ich würde einen Film sehen und der Erzähler würde unerwartet auf Standbild schalten. Die Szene friert ein und wechselt, es geht an anderer Stelle weiter bis die Kamera wieder zurückschwenkt und die Bilder sich wieder bewegen. Diese Kniffe empfand ich als außergewöhnlich und erfrischend.

Weniger gut fand ich allerdings, dass manche Nebenstränge etwas zu weitschweifig erzählt werden und die Handlung dadurch stellenweise zu langsam vorangetrieben wird. Außerdem hätte ich mir – auch wenn am Ende alle Fäden zusammengeführt werden und sich der Kreis schließt – einen insgesamt stärkeren Zusammenhang zwischen den einzelnen Teilen und eine weniger komplizierte Auflösung gewünscht. Ich muss nämlich gestehen, dass ich mit den ganzen Parallelwelten irgendwann nicht mehr so ganz mitkam und vereinzelte Passage mehrfach lesen musste.

FAZIT: Ein gekonntes und hoch komplexes Spiel auf mehreren Ebenen mit dem Paradox der Zeit, dessen Auflösung und Ende leider etwas verworren sind. Daher nicht ganz die volle Punktzahl, obwohl der Roman definitiv Lust auf mehr Geschichten aus der Feder von Félix J. Palma macht.

Tipp: Website zum Buch
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5 Responses to [Rezension] Palma, Félix J. – Die Landkarte der Zeit

  1. Interessant, vor einigen Wochen habe ich schon darüber gelesen und wollte es mir schon auf meine Leseliste setzen. Keine Ahnung, warum ich das nicht gemacht habe. Danke für die Erinnerung!

    So long,
    Corinna

  2. Deine Rezension bestätigt mich darin, das Buch auf jeden Fall weiterzulesen. Ich habe es nämlich schon angefangen, mich allerdings mit der ungewöhnlichen Erzählweise ein wenig schwer getan. Vermutlich lag es daran, dass ich es bisher immer spät abends gelesen habe, wenn meine Konzentration nicht mehr auf ihrem Höhepunkt war… Aufgegeben habe ich aber noch nicht und werde es auch nicht. ;-)

  3. Und schwubbs auf meine Liste

  4. Nina sagt:

    @ Corinna
    Gerne! :D

    @ Büchersammlerin
    Konzentration ist in hier in der Tat vonnöten. Aber es lohnt sich.

    @ Kes
    In dem Fall dürfte der nächste Beitrag für dich besonders interessant sein. ;)

  5. Pingback: [Gewinnspiel] »Die Landkarte der Zeit« von Félix J. Palma |

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