[Rezension] Rubin, Gretchen – Das Happiness Projekt

Kurzbeschreibung

Dieses Projekt ist so einfach wie einleuchtend. Für jeden Monat im Jahr nimmt sich Gretchen Rubin einen anderen Lebensbereich vor: vom eigenen Körper bis zur ganzen Familie, von Freundschaft und Liebe bis hin zu Geld und Beruf. Rubin liefert originelle Impulse, mit denen Sie Ihr Leben Tag für Tag ein bisschen besser machen können. Ohne Null-Diät, ohne hau ruck. Praxiserprobte Tipps statt Hokuspokus. Machen Sie Ihr Glück jeden Tag zu Ihrem persönlichen Projekt aber in realistischen Portionen. Und noch bevor Sie sich versehen, haben Sie Ihr Leben zum Positiven verändert!

Rezension

Lesen Sie Katastrophenberichte!

Eigentlich könnte Gretchen Rubin mit ihrem Leben zufrieden sein. Bevor sie beschlossen hat, lieber als Autorin zu arbeiten, war sie jahrelang eine erfolgreiche Anwältin, sie hat ihre große Liebe geheiratet, zwei gesunde kleine Töchter und genug Zeit, um zweimal die Woche zum Yoga zu gehen. Trotzdem sitzt sie eines Tages in ihrer Heimatstadt New York in einem Bus und stellt fest, dass sie nicht ganz so glücklich ist wie sie eigentlich sein könnte. Also schnappt sie sich sämtliche Pimp-up-your-Life-Ratgeber, die sie kriegen kann, und entwirft ein Happiness-Projekt, das sie ein Jahr lang knallhart durchzieht. Jeder Monat steht dabei unter einem Motto:

Januar: Tanken Sie Energie!
Februar: Denken Sie an die Liebe!
März: Streben Sie nach Höherem!
April: Werden Sie lockerer!
Mai: Nehmen Sie das Spiel ernst!
Juni: Nehmen Sie sich Zeit für Freunde!
Juli: Kaufen Sie sich etwas Glück!
August: Meditieren Sie über den Himmel!
September: Frönen Sie einer Leidenschaft!
Oktober: Seien Sie wachsam!
November: Bewahren Sie sich ein zufriedenes Herz!
Dezember: Ausbildungslager Perfektionismus!

In vielen Besprechungen zu dem (Hör)Buch habe ich gelesen, dass Gretchen Rubin gar keinen Grund zum Jammern hätte. Anderen Menschen ginge es doch viel schlechter als ihr. Sicher. Aber es wird immer jemanden geben, der schlechter dran ist als man selbst. Trotzdem gibt es einfach Phasen im Leben, in denen man eben unzufrieden ist. Mir geht es da nicht anders, weswegen ich gespannt war zu erfahren, wie Frau Rubin ihr Ich-optimiere-mein-Glück-Projekt angeht.
Auch wenn die Überschriften (zumindest in der deutschen Übersetzung) den Hörer zu allen möglichen Dingen auffordern – ein wirklicher Ratgeber ist das Hörbuch nicht. Schließlich geht es nicht jedem Menschen gleich besser, weil er sich ein Blog anlegt. Es ist vielmehr ein Erfahrungsbericht über Gretchen Rubins ganz persönliches Glücksprojekt, aus dem man etwas für sich mitnehmen kann. Oder auch nicht.

Bei mir war Letzteres der Fall, denn so vielseitig Gretchen Rubins Ansatzpunkte sind, so oberflächlich sind sie auch. Ein Beispiel? Pflegen Sie ihre Freundschaften! An sich ein guter Tipp. Wenn die Autorin dann aber schreibt, dass sie ihre »Freunde« erstmal alle anschreibt, um nach ihrem Geburtstag zu fragen, damit sie sich wenigstens einmal im Jahr mit einer Glückwunschmail bei ihnen melden kann, fragt man sich doch, wie Gretchen Rubin Freundschaft definiert. Da man aber nie genug Freunde haben kann, wird dem Hörer gleich noch ein weiterer wertvoller Tipp mitgegeben: Suchen Sie sich 3 (!!) neue Freunde. Das ist im Übrigen ganz leicht. Man muss nämlich einfach nur freundlich sein. Okay, Freundlichkeit ist eine »achtbare, aber langweilige Tugend«. Ihre Recherchen zum Buddhismus haben der Autorin aber gezeigt, dass es gar nicht mal so schlecht ist, wenn man nett zu seinen Mitmenschen ist. Ehrlich, für diese Erkenntnis brauchte ich nicht erst ein Buch lesen.
Ebenso wenig war es mir neu, wie hilfreich es sein kann, To-do-Listen anzulegen. Oder seine Schränke auszumisten. Das macht Gretchen Rubin auch. Nur fällt ihr – gerade nachdem sie sich von unnötigem Ballast getrennt hat – ein, dass es doch schön wäre, eine Sammlung anzulegen. Tjaaa, was könnte man – so auf Kommando – denn nun sammeln? Wie wäre es mit blauen Vögeln? Grundsätzlich habe ich nichts gegen blaue Vögel. Und es ist Gretchen Rubins Projekt, d.h. jeder Hörer kann selbst entscheiden, was er stattdessen sammeln möchte. Allerdings: Entsteht eine Sammlung nicht ganz von alleine, wenn man etwas mag? In meinen Augen schon.

Aber ich sehe offenbar vieles anders als die Autorin. So haben mich ihre Beziehungstipps sogar richtig auf die Palme gebracht. Niemand nörgelt gerne. Keine Frage! Aber deswegen muss ich in meiner Beziehung noch längst nicht alles hinnehmen und alle Arbeiten selbst erledigen, nur damit ich am Ende kein schlechtes Gewissen habe, weil ich mich (völlig zu recht) bei meinem Partner beschwert habe. Für mich gehören zu einer Beziehung immer noch zwei Menschen. Und die haben gefälligst beide gleichermaßen an sich zu arbeiten, damit die Sache läuft.
Stichwort Laufen: Sport ist für Gretchen Rubin natürlich auch ganz wichtig. Und ein Ernährungstagebuch führt man am besten auch. Dann nimmt man ganz vielleicht auch ein bisschen ab. Wie das geht? Einfach auf kalten Truthahn verzichten. Der macht nämlich nicht nur dick, sondern auch, dass man sich danach schlecht fühlt.
Besser fühlen könnte sich Gretchen Rubin eigentlich durch ihre Kinder. Das ist aber nicht so. Denn: Kinder sind anstrengend. Das kann ich mir – auch ohne selbst Kinder zu haben – sehr gut vorstellen. Aber habe ich deswegen auf nahezu sämtliche Aufgaben, die mit meinen Kindern zu tun haben, keine Lust? Muss ich mich deswegen zwingen, über die Witze meiner kleinen Tochter zu lachen? Gretchen Rubin muss das. Zwar sagt sie, dass aus dem »gezwungenen Lachen oft ein echtes Lachen wurde», aber ehrlich… Wo bleibt da das Gefühl?

FAZIT: Bloß nicht! Ein Jahr lang zwingt sich Gretchen Rubin dazu, so zu reagieren, wie ihr Umfeld es von ihr erwartet. Dabei ist sie zwar so angespannt, dass sie sich selbst als Glückstyrannin bezeichnet, weil ihr Projekt unbedingt einen positiven Ausgang nehmen soll, am Ende fühlt sie sich seltsamerweise aber tatsächlich besser. Wahrscheinlich, weil man das von ihr erwartet. Oder weil sie im Urlaub so viele Katastrophenberichte gelesen hat, dass sie einfach ein schlechtes Gewissen hätte, wenn sie nicht wenigstens ein kleines bisschen dankbar wäre für das, was sie hat.
Die zwei Herzen gibt es für den tadellosen Vortrag von Désirée Nosbusch und aus Respekt davor, dass Gretchen Rubin das Projekt so diszipliniert durchgezogen hat. Mit Glück hat das Ganze für mich aber nicht das Geringste zu tun.


...


Genre: Ratgeber Erfahrungsbericht • Verlag: Der Hörverlag (2o10) • Sprecherin: Désirée Nosbusch  • ISBN: 9783867176620 • Laufzeit: 260 min. • Website der Autorin: www.happiness-project.com
Tipp: Dieses Hörbuch gibt es auch bei audible.de.
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5 Responses to [Rezension] Rubin, Gretchen – Das Happiness Projekt

  1. Gretchen Rubin klingt wirklich unsympathisch. Ich finde es auch schrecklich, wenn Bücher allgemein bekannte Lebensweisheiten versuchen als neuartige Erkenntnis zu verkaufen ohne dabei wirklich tiefgründig darauf einzugehen. Das ging mir bei “Hectors Reise oder auf der Suche nach dem Glück” so, das waren auch total banale “Kalendersprüche”, von denen ich nicht erst in einem Buch lesen muss, um zu wissen, dass an ihnen etwas dran ist.

  2. Nina sagt:

    Du sagst es! Und mir ging es ja noch nicht mal um neue Weisheiten. Ich habe das Projekt von Anfang an als das persönliche Projekt von Gretchen Rubin verstanden und hatte gehofft, dass ich mir daraus vielleicht ein paar nützliche Infos für meinen eigenen Alltag herausfiltern kann. Dass das nicht geklappt hat, ist ja noch nicht mal so schlimm. Viel trauriger finde ich, dass ich der Autorin einfach nicht abnehmen kann, dass ihr das Projekt tatsächlich geholfen hat bzw. dass ich ihre Beweggründe einfach nicht nachvollziehen kann.

  3. Barbara K. sagt:

    Vielen Dank für die ehrliche Rezension. Das hatte ich befürchtet, dass da nur allgemeine Plattitüden in Buchform präsentiert werden. Jetzt kann ich mir das Anhören derselben sparen.

    • Nina sagt:

      Freut mich, dass ich helfen konnte. Ich hatte schon befürchtet, dass die Rezension gar nicht erst gelesen wird, weil sie ja doch recht lang geraten ist. Dabei habe ich mich noch kurz gefasst. ;)

  4. Pingback: [Ich lese] »Das Glücksprojekt« von Alexandra Reinwarth |

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