[Rezension] Münk, Katharina – Die Eisläuferin

Kurzbeschreibung

Die Regierungschefin einer westlichen Industrienation verliert durch einen Unfall ihr Gedächtnis und erfährt jeden Tag aufs Neue, dass sie das Land regieren muss. Das geht so lange gut, bis sie entdeckt, wie förderlich Emotionen für die Erinnerung sind. Fortan tut sie alles, um ihr Gedächtnis zurückzuerobern, und schreckt dabei weder vor Pfirsichen, Schlittschuhen noch vor Verkehrsdelikten zurück.

Rezension

Eigentlich hatte die Regierungschefin einer westlichen Industrienation einen gemütlichen Urlaub mit ihrem Mann geplant – inkognito und ohne Sicherheitspersonal  in der Transsibirischen Eisenbahn. Leider fällt ihr unterwegs jedoch ein Bahnhofsschild auf den Kopf und die resolute Dame verliert ihr Gedächtnis. Ihr fehlen nicht nur ihre Erinnerungen der letzten 20 Jahre, auch ihr Kurzzeitgedächtnis hat gelitten und so muss man ihr jeden Morgen aufs Neue erklären, welches gewichtige Amt sie inzwischen bekleidet…

Obwohl niemand beim Namen genannt wird, gibt es mehr als genug Hinweise, die klar machen, um welche Politiker es sich handelt. Da hätte es den Titel Hell’s Angie in einer fiktiven Schlagzeile gar nicht gebraucht. Man hätte unsere Bundeskanzlerin und ihre nationalen wie internationalen Kollegen und die durchaus amüsanten Spitzen gegen sie auch so erkannt. Mit der versprochenen Satire hat das Buch aber dennoch nicht viel gemein. Dafür nimmt sich die Autorin leider viel zu sehr zurück, bleibt konstant an der Oberfläche und verleiht ihrer Hauptfigur keinerlei Profil.

Farbloser geht es kaum. Sämtliche Emotionen sind nur auf ihr Amt bezogen. Private, persönliche Fragen stellt die Regierungschefin nicht, wenn man ihr morgens erklärt, dass ihr die letzten 20 Jahre ihres Lebens fehlen. Ein Rücktritt kommt für sie nicht infrage, stattdessen setzt sie mehrfach zu unglaublich albernen Selbstmordversuchen an, die gar nicht zu dieser kühlen Frau passen, die jeden Morgen bemerkt, wie alt ihr Mann geworden ist, selbst aber nicht ein einziges Mal vor ihrem Spiegelbild erschrickt.

Wie der Gedächtnisverlust ihre Regierungsweise und ihren Umgang mit dem Volk verändert, wird nur angedeutet, als Leser erlebt man ihre neu gewonnene Spontanität nicht mit. Nachvollziehbar ist ihr Verhalten aber ohnehin nicht. Zwar fehlen ihr die letzten 20 Jahre, wie man sich als bekannte Person in der Öffentlichkeit benimmt, dürfte sie sich aber trotzdem denken können.
Unklar ist auch, warum die Autorin ihre Figur schon mit dem ungewöhnlichen Urlaub so aufmüpfig erscheinen lässt, wo ihre Veränderung doch erst mit dem Gedächtnisverlust einhergeht. Und warum bekommt die wichtigste Frau des Landes keinen professionellen Therapeuten?

Ein weiterer Schwachpunkt ist die sachliche Sprache, die so sicher gewollt ist, die Distanz zu den Figuren aber nur noch weiter fördert und mehr nach Berichterstattung als nach Roman klingt. Vor allem, wenn man Sätze wie “Einen Moment lang widmete man sich der allgemeinen Reflexion über das Wetter.” serviert bekommt. Abgerundet wird der enttäuschende Gesamteindruck durch die sehr passende, aber auch sehr monotone Stimme der Sprecherin und den kaum vorhandenen Spannungsbogen.

FAZIT: Hier und da blitzt ein bisschen Humor auf, insgesamt ist die Geschichte leider jedoch viel zu brav und dröge. Schade, denn die Idee hätte richtig viel Potenzial gehabt.

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Genre: Satire • Verlag: Jumbo Neue Medien & Verlag GmbH (2012) • ISBN: 9783833728969 • Laufzeit: 219 min. • Sprecherin: Maren Kroymann
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TippDieses Hörbuch gibt es auch bei audible.de.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schade, ich finde auch, dass die Geschichte viel mehr Potential gehabt hätte. War nämlich schon gespannt, was du berichtest. Ist aber wohl leider nur ein Flopp

    • Zumindest für mich war es leider ein Flop, ja. Aber vielleicht siehst du das ja anders? Schade, dass ich das Hörbuch nur als Download besitze, sonst hätte ich es an dich weitergegeben.

    • Ich fand die Idee ziemlich originell und die Frage im Klappentext auch recht provokant, nur leider konnte mich die Umsetzung nicht überzeugen. Wenn dich die Thematik aber schon nicht reizt, dann ist es wohl wirklich kein Buch für dich. ;)

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