[Interview] Melanie Raabe über “Die Hässlichen”, Schönheit, die im Kopf stattfindet, und die Vor- und Nachteile des Eigenverlags.

Twitter ist schuld. Dort begegnete mir Melanie Raabe, die im September ihren Debütroman Die Hässlichen im Eigenverlag bei amazon veröffentlichte, das erste Mal. “Wenn sie in 140 Zeichen schon so interessant schreibt, musst du dir das Buch wohl mal ansehen”, dachte ich mir. Gesagt, getan. Gelesen, rezensiert. Und weil ich das Thema so spannend fand, habe ich der Kölner Autorin gleich noch ein paar Fragen gestellt.

Liebe Mel, erzähl uns doch erst mal ein bisschen was über dich! Was machst Du so und wie bist Du auf die Idee zu Deinem Debütroman gekommen?
Okay, was über mich: Ich mag Bücher, Blogs und Brokkoli, Kuchen, Kunst und Kitsch und lebe in Köln. Meine offizielle Jobbezeichnung lautet Journalistin, aber mein Masterplan ist es, bald nur noch mit fiktionalem Schreiben meine Brötchen beziehungsweise meinen Kuchen zu verdienen. Ich schreibe schon immer. Als Kind habe ich mir Märchen ausgedacht, als Teenager habe ich grässliche, weinerliche Gedichte produziert, und seit meinen frühen 20ern schreibe ich Romane.
Die Idee zu den „Hässlichen“ kam mir während der Themensuche für eine Reportage. Dabei bin ich über ein Online-Portal gestolpert, das sich als Dating-Seite für hübsche Menschen versteht. „Beautiful people only.“ Das fand ich dumm, albern und irgendwie faschistisch. Auch angesichts der Tatsache, dass die wenigsten Leute dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Irgendwie kam ich dann auf den Gegenentwurf: eine super coole und exklusive Gruppe für Hässliche. Da schwangen direkt so viele Themen mit – Zugehörigkeit, Identität, Freundschaft, Außenseitertum… – dass ich mich entschieden habe, diese Gruppe selbst zu gründen. Aber eben auf dem Papier.

Die Hässlichen ist ein Buch, über das man nachdenkt. In der Beschreibung heißt es: “A Clockwork Orange” trifft “Germany’s Next Topmodel”. Für wen hast Du den Roman geschrieben und welche Reaktionen wünschst Du dir?
Ich finde unfassbar cool, dass das Buch so viele Leser nachdenklich macht. Ich habe es aber weder für eine bestimmte Zielgruppe noch aus einer bestimmten Intention heraus geschrieben. Ich hatte eine Idee, die ich spannend fand und einfach Bock, ein geiles Buch zu schreiben. Der Rest passierte während des Schreibens von ganz allein.
Ich versuche, keine spezielle Reaktion zu erwarten, aber wenn ich mir etwas wünsche, dann, dass der Leser an ein paar Stellen überrascht ist und manchmal vielleicht auch denkt: Fucking hell… das gibt’s doch nicht!

Die Jugendlichen in Deinem Buch definieren sich über ihre Schönheit bzw. über ihre (vermeintlichen) optischen Makel. Denkst Du, dass der Wunsch nach Schönheit (sicherlich auch verstärkt durch die Medien) für junge Menschen an erster Stelle steht? Und, was ist überhaupt Schönheit?
Ich glaube, es gibt Jugendliche, denen Äußerlichkeiten das Wichtigste überhaupt sind, solche, die sich dafür nicht im Geringsten interessieren – und alle Graustufen dazwischen. Genau wie in jeder anderen Altersgruppe auch.
Schönheit findet meiner Meinung nach nur im Kopf statt. Ein Beispiel: Man fühlt sich gut, guckt in den Spiegel, und mag, was man sieht. Dann passiert irgendetwas, das einen runterzieht, und auf einmal findet man alles an sich grauenhaft. Dabei sieht man kein Stück anders aus als vorher. Schönheit ist ein gedankliches Konstrukt und damit nicht nur zu 100 Prozent subjektiv, sondern auch ständig im Wandel.

Ohne zu viel zu verraten: Am Ende der Geschichte eskaliert die Situation. Glaubst Du, dass es zwangsläufig so kommen musste oder hätte es noch eine friedliche Lösung für Deine Figuren geben können?
Um das Buch friedlich enden zu lassen, hätte ich es mit anderen Figuren bevölkern müssen. Für meine Hauptcharaktere gab es keinen anderen Weg, dafür sind sie alle im Kern zu krass. Vor allem Helena mit ihrem unfassbar dringlichenen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Claire mit ihrer schmerzhaften Sehnsucht nach Schönheit und Bastian mit seinem verzweifelten Wunsch, endlich irgendwo dazuzugehören…

Welche Vor- bzw. Nachteile siehst Du darin, dass Dein Buch im Eigenverlag erschienen ist?
Sowohl ich als auch der Literaturagent, mit dem ich zusammenarbeite, waren echt verwundert, dass wir keinen Verlag für das Buch gefunden haben – und das, obwohl die Rückmeldungen zur Qualität des Romans sehr positiv waren. Aber aus der Not wurde ruckzuck eine Tugend. Ich bin gerade total verliebt in die Tatsache, dass ich alles in der Hand habe – von der Textfassung über Titel und Cover bis hin zu den passenden Werbemaßnahmen. Ich musste mein kleines, greinendes, dreiäugiges Buchbaby keinen Fremden anvertrauen, sondern konnte mich um alles selbst kümmern. Diese Freiheit schätze ich gerade total. Trotzdem wäre es bestimmt auch super, einen Verlag im Rücken zu haben – es gibt bestimmte Dinge, die ich selbst gar nicht leisten kann oder will. Ich habe für mich entschieden, in Zukunft zweigleisig zu fahren: bestimmte Bücher an einen Verlag zu geben, und andere – vielleicht die, die mir persönlich besonders wichtig sind oder solche, die sich an eine jüngere, eReader-affine Zielgruppe wenden, wie „Die Hässlichen“ selbst als ebook rauszubringen.

Wie sind Deine Pläne für die Zukunft?
Ganz ehrlich? Ich schreibe wie eine Irre. Daheim, im Zug, im Café, wo auch immer. Ich habe bereits ein weiteres Buch fertig und arbeite am nächsten. Ich schreibe an einer Sitcom und werde vielleicht auch demnächst mal wieder ein Theaterstück in Angriff nehmen. Oh, und ich will mit den „Hässlichen“ unbedingt noch ein paar Lesungen in Köln und im Umkreis abhalten. Ich lese gerne vor und mag es also total, direkten Publikumskontakt zu haben. Vor allem, weil das Schreiben an sich so eine einsame Angelegenheit ist. 

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Wenn sie in 140 Zeichen schon so interessant schreibt, musst du dir das Buch wohl mal ansehen”
    Genau mein Gedanke, nachdem sie auf Twitter gelesen habe und noch dazu hat sie mir so eine charmante Mail geschrieben, um mir das Buch anzubieten, dass ich einfach nicht anders konnte, als es mir zu kaufen. Ich habs noch nicht gelesen, weil ich im Moment chronisch keine Zeit habe, aber es war mir wichtig, das Buch zu kaufen – schon allein deswegen, weil ich so junge, mutige Autoren gerne unterstütze. Freu mich jedenfalls nach deiner positiven Meinung noch mehr auf das Buch =)

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