[Rezension] Raabe, Melanie – Die Hässlichen

Claire und Helena sind seit Jahren befreundet. Dabei leben die beiden eigentlich in zwei völlig unterschiedlichen Welten. Während Helena ihren Namen nicht zufällig trägt, entspricht Claire weniger dem gängigen Schönheitsideal. Als Helena, ironischerweise auf dem Weg zum Schönheitschirurgen, verunglückt und schwere Brandnarben im Gesicht davonträgt, haben die beiden jungen Frauen plötzlich eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie finden sich beide hässlich.
Weil sie sich dessen jedoch nicht schämen möchten, gründen sie eine Art Selbsthilfegruppe, die Fuglies (kurz für “F*cking Uglies”). Sie veranstalten Kunstaktionen und Parties und machen Hässlichkeit exklusiv. Mit dem Wachstum der Gruppe wächst auch das öffentliche Interesse, doch nach einer Weile entstehen Spannungen, denn einige Fuglies wollen nicht nur Spaß, sondern nutzen die Gruppe, um der “Diktatur der Schönheit” den Kampf anzusagen. Mit radikalen Mitteln…

Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven, denn schon relativ früh ist klar, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen kann, weil irgendwann alles aus dem Ruder läuft. Die Figuren – allen voran die Hauptfiguren Helena, Claire und Bastian – sind sehr extreme Charaktere. Ihre unterschiedlichen Beweggründe und Sehnsüchte sind jedoch nachvollziehbar herausgearbeitet. So kann man sich vielleicht nicht immer mit ihnen identifizieren, aber – und das finde ich persönlich viel wichtiger – man denkt intensiv über sie nach und macht sich Gedanken dazu, was sie anders machen müssten. Wenn sie es denn könnten. Unterscheiden sie sich am Ende vielleicht gar nicht so sehr von den Schönen, die sie verachten, weil sie sich von ihnen ausgegrenzt fühlen?
In schonungsloser, klarer Sprache zeichnet Melanie Raabe ein schockierendes Bild von dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Suche nach der eigenen Identität, das – in einer Zeit, in der Klamotten im Onlineshop von H&M nicht mehr an hübschen Frauen aus Fleisch und Blut, sondern an virtuellen Models mit standardisiertem Idealkörper präsentiert werden – erhebliches Diskussionspotenzial bietet.

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Genre: Gegenwartsliteratur / Drama
Verlag: –  (2012)
ASIN: B0095IBZ66
Seiten: ca. 274

➤ Tipp: Dieses Buch gibt es bei amazon.de für den Kindle.


19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die Rezi. Ich kann dieses Buch ebenfalls nur weiter empfehlen. Ein wirklich beeindruckendes Debüt, dass mich nachhaltig beschäftigt hat. Ich bin gespannt, was von der Autorin noch zu erwarten ist.

  2. Das Buch wurde mir auch “angeboten” als Rezensionsexemplar, allerdings bin ich schon aus der Beschreibung nicht klar geworden und fand das alles sehr abstrus. Auch wenn du eine gute Bewertung gegeben hast, lese ich aus dem Text heraus, dass das Buch nix für mich gewesen wäre, hätte ich das Angebot angenommen.

      • Wenn du schon so fragst: Alles irgendwie ;-)
        Mir kam das einfach sehr weit hergeholt vor, hat mich nicht wirklich angesprochen vom Plot her. Ich hab auch nicht verstanden, ob das ein Jugendbuch ist oder ein Roman für Erwachsene.

        • Nee, dann wäre es wirklich nichts für dich gewesen. Mich hatte der Plot bzw. die Thematik nämlich sofort angesprochen.

          Die Einordnung finde ich auch einigermaßen schwer. Die Hauptfiguren stehen vom Alter her entweder gerade vor oder im Studium. Ist es deswegen ein Jugendbuch? Die Thematik ist eigentlich zeitlos. Schwierig.
          Ein bisschen erinnert es mich an Die Welle. Das kann man als Jugendlicher super diskutieren, aber als Erwachsener hat man sicher auch noch etwas davon. Wenn es einen denn thematisch anspricht natürlich.

          • Glaub da bin ich ziemlich altmodisch: Wenn ein Buch Jugendliche als Hauptpersonen hat, ist es für mich ein Jugendbuch. Ich hab trotzdem schon als Erwachsene auch teilweise sehr gerne Jugendbücher gelesen. Aber ich bin Mitte 30, da fehlt mich einfach meistens eine gewisse Identifikationsmöglichkeit mit 18jährigen, weil ich deren Probleme und Gedanken schon lange hinter mir gelassen habe.

            (Das klingt ja jetzt fuuuurchtbar alt und engstirnig, aber generell merke ich für mich, dass ich lieber Bücher lese, die entweder “alterslos” oder zeitlos sind oder eben Erwachsene als Hauptcharaktere haben)

  3. Pingback: [Interview] Melanie Raabe über “Die Hässlichen”, Schönheit, die im Kopf stattfindet, und die Vor- und Nachteile des Eigenverlags. » LiBROMANiE +

  4. Für mich klingt das nicht alt. Ich bin ja inzwischen auch näher an der 30 als an der 20. ;) Deswegen geht es mir da sehr ähnlich wie dir. Die längste Zeit habe ich Jugendromane sehr sehr gerne, wenn nicht sogar bevorzugt gelesen. Bestenfalls, wenn noch ein phantastischer Touch vorhanden war. Mittlerweile mag ich von (meinst niedlicher, aber sehr naiver) erster Liebe auch nichts mehr lesen. Ich habe hier allerdings noch etliche Jugendromane liegen. Einige möchte ich noch lesen, weil sie mich thematisch ansprechen, viele werden demnächst aber sicher noch aussortiert werden.

    Neue Jugendbücher werden also wohl nur noch in Ausnahmefällen einziehen, wenn mich der Plot besonders reizt oder ich den Autor/die Autorin kenne. Das neue Buch von Kai Meyer könnte mich z.B. interessieren. Aber der schreibt auch seine Jugendromane recht erwachsen, wie ich finde.
    Die Hässlichen fand ich vom Thema her einfach spannend. Auch weil ich wusste, dass die Figuren (Ist man Anfang 20 denn noch jugendlich?) andere Probleme haben das erste Verliebtsein. Da geht es schön härter zur Sache. Zum Glück. ;)

    • Ich hab witzigerweise nur sehr wenige als solche deklarierte Jugendbücher gelesen, und das dann ehe rim Alter von 11, 12, 13 etwa. Mit 15, 16 habe ich eher Stephen King und Rosamunde Pilcher und John Grisham und Margaret Atwood gelesen als was aus der Jugendbuchecke. Ich verstehe auch immer die Blogger nicht so ganz, die mit Mitte 20 immernoch ihre Young Adult Schinken lesen mit immer den gleichen Themen ;-)

      Erst als Erwachsene bzw auch erst als ich mit dem Bloggen angefangen habe, hab ich auch mal in dieses Genre reingeschnuppert, muss aber sagen, dass mir das auf Dauer einfach zu seicht und zu einfallslos wäre bzw ich halt deutlich merke, dass ich dem schon entwachsen bin. Selbst bei Anfang 20jährigen fehlt mir stellenweise dann doch das Identifikationspotenzial. Schon deswegen hat mich das Buch nicht wirklich interessiert.

      • Ich hab in jungen Jahren auch lieber Erwachsenenbücher gelesen und später dann viele Jugendbücher. Es gibt ja auch Jugendbücher, die so originell und gut geschrieben sind, dass man sie auch noch wunderbar lesen kann, wenn man älter ist. Genau solche Bücher habe ich immer wieder gesucht. Der Großteil war dann aber einfach nur enttäuschend, weil ich das Gefühl hatte, dass ich das alles so oder ähnlich schon zig Mal gelesen hatte.
        Es ist auch weniger so, dass ich mich mit Figuren dringend identifizieren können muss. Sperrige Charakter können durchaus spannend sein. Aber erste Liebeleien gehen mir meist einfach auf die Nerven. In den allermeisten Fällen trifft man seine große Liebe nämlich nicht mit 16 und ist bereit, für den anderen zu sterben. :roll:

        • Es gibt diese Klassiker, die ich teilweise sogar noch eher als “Kinderbuch” bezeichnen würde für die unter 12jährigen, und die ich immernoch gerne mal lese. Es gibt gut gemachte zeitgenössische Jugendbücher, eine zeitlang habe ich sehr gerne Isabel Abedi gelesen. Und es gibt eine für mich nicht mehr überschaubare Schwemme an “YA” Büchern, was für mich eigentliche Jugendbücher sind (vllt klingt “young adult” einfach besser für die Zielgruppe, ich hab keine Ahnung). Und an denen stört mich in der Regel, dass es da zu 99% um das Finden der großen Liebe geht (die man wie du sagst ehe rnicht schon mit 16 trifft) oder um das Finden/Suchen der eigenen Identität. Und das hab ich echt schon so lange hinter mir gelassen, dass mich das schlicht nicht interessiert. So wars auch mit dem hier besprochenen Buch. Ich kann mich täuschen, ich habe es ja nicht gelesen. Aber schon dieses “Buhu, ich bin soo hässlich”, das ist für mich so typisch Teenager oder eben Anfang 20er. Einfach nicht mehr meine Baustelle.

          • Gab es eigentlich schon immer so viel YA? Ich habe den Eindruck, dass der Markt mit diesen Büchern (nach den Erfolgen diverser Titel) regelrecht überschwemmt wird. Erst waren es die Vampire, jetzt die Dystopien. Oder liegt es einfach daran, dass so viele Blogger die Bücher lesen und sie mir deshalb besonders präsent sind?

            Und noch mal kurz zum Thema “Buhu, ich bin soo hässlich”: Das habe ich von Anfang an nicht so empfunden, weil die Figuren sich nicht nur selbst hässlich finden, sondern direkt als hässlich bezeichnet werden. Das fand ich einen interessanten Ansatzpunkt, weil ich mich gefragt habe, wie Hässlichkeit definiert wird. Ich selbst tue mich mit diesem Wort nämlich sehr schwer. Fand es auch sehr befremdlich, als man mir bei Twitter mal schrieb, dass meine Brille mich total entstellen würde. Ich meine, mich muss – weder mit noch ohne Brille – jeder schön finden. Aber “entstellen” fand ich schon eine interessante Wortwahl. Aber das führt jetzt wahrscheinlich wirklich zu weit. ;)

  5. Mensch Maren, kann das sein, dass Dich “Die Hässlichen” nicht so interessiert? – Das ist jetzt irgendwie nicht so rübergekommen…

    • Hallo Marbod,

      warum so empfindlich? Ich sag es dir ganz ehrlich: Solche Kommentare helfen unbekannten Autoren keinesfalls weiter, weil es schnell den Anschein hat, dass Bekannte der Autoren für sie in die Bresche springen, sobald Kritik aufkommt. Also bitte sachlich bleiben statt zu provozieren! :-)

      Die Diskussion bezog sich nicht nur auf das Buch, sondern war sicher nicht nur für mich sehr spannend, weil es allgemein um die Einstellung zu Jugendbüchern und die Entwicklung der Lesevorlieben mit den Jahren geht. Mit diesem Thema beschäftige ich mich selbst seit einer ganzen Weile. So sehr, dass da auch ein spezieller Beitrag zu kommen wird.

      • Ich vermute hinter sowas (aus Erfahrung) leider immer den Autor selbst, aber das muss natürlich nicht immer so sein. Recht hast du auf jeden Fall mit der Aussage, dass solche Verhaltensweisen dem Autor nicht helfen.

    • Marbord, kann es sein, dass du ein bisschen Reklame machen wolltest für Buch und/oder Autorin und schlecht verträgst, dass es jemanden gibt, der tatsächlich schon von vornherein kein Interesse für das Buch aufbringen kann? Das schon nach deinem ersten inhaltsleeren Lobhudelkommentar kaum vermutet! ;-)

      Mag sein, dass die Diskussion ein wenig abgedriftet ist, aber ich traue es Nina durchaus zu, dass sie diese beendet, wenn sie es für angebracht oder für an dieser Stelle unpassend erachtet.

  6. Pingback: LiBROMANiE + » Ein herrlich hässlicher Abend am 04. März im Goldmund.

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