Kurzbeschreibung
Jude Finney hat eine besondere Fähigkeit: Er kann die Träume der Toten sehen. Auf dem Highgate Cemetery, in einer Welt zwischen Realität und Traum, begegnet er der geheimnisvollen Story, einem Mädchen, das tausend Geschichten kennt, aber sich an seine eigene nicht erinnern kann.
Jude ahnt, dass Story noch lebt, irgendwo in den Straßen von London. Und dass es höchste Zeit wird, sie zu finden.
Rezension
“Geschichten, das wusste Jude, waren wertvoll, denn sie halfen einem, die Welt zu verstehen. Sie lenkten von den wirklich schlimmen Dingen ab und manchmal, in den besten Fällen, ließen sie Hoffnung aufkeimen.” (Seite 93)
Jude Finney, der nicht zufällig Jude heißt, ist ein ganz und gar ungewöhnlicher Junge, denn er kann Geister sehen und verbringt seine Zeit am liebsten auf dem Highgate Cemetery in der Gesellschaft einer illustren Truppe verstorbener Seelen.
Eines Tages trifft er dort auf ein rätselhaftes Mädchen, halb Mensch, halb Geist, das sich an nichts mehr erinnern kann, noch nicht mal an den eigenen Namen. Kurzerhand wird das Mädchen Story genannt, denn Jude und seinen Freunden ist schnell klar, dass sie Storys Leben nur retten können, wenn sie ihre Geschichte finden.
Gemeinsam machen sie sich auf die Suche, doch die Zeit drängt und bald schon ist nicht nur Storys Leben in Gefahr…
Nach Heaven. Stadt der Feen entführt Christoph Marzi seine LeserInnen erneut nach London. Hauptschauplätze sind diesmal die Glorreichen Sieben, die größten Friedhöfe der englischen Hauptstadt, die Christoph Marzi sehr bildhaft und gelungen beschreibt, sodass man in Gedanken selbst zwischen den alten Gräbern umherstreift und das Herbstlaub zu seinen Füßen rascheln hört.
Doch dann passiert, was bei Christoph Marzi scheinbar passieren muss: Er greift auf altbekannte, inzwischen deutlich abgenutzte Elemente zurück – ein Mädchen, ein Junge, Musik und mystische Gestalten, deren Geschichten leider oft nur angerissen werden, sodass am Ende einige Fragen offen bleiben.
Eines teilt der Autor mit seinen Lesern: Die Liebe zu Geschichten. Mehrfach lässt er seine Figuren betonen, dass eine Geschichte nur gut ist, wenn sie gut erzählt wird. Aber wie sieht es mit Christoph Marzis eigener Geschichte aus? Schöne Worte sind leider nicht alles.
Für mich persönlich sind ganz besonders die Figuren zentral in einer Geschichte. Diese bleiben in Memory über den gesamten Handlungsverlauf jedoch unnatürlich blass. Und damit meine ich nicht die Geister, die Jude und Story, die eigentlichen Hauptfiguren, fast schon in den Schatten stellen.
Die Geschichte selbst ist eher dünn, nicht immer ganz logisch und aufgebauscht durch zahlreiche Wiederholungen und die Nennung etlicher (mir leider weitestgehend unbekannter) Musiker. Der Spannungsaufbau gelingt nur dürftig, da die meiste Zeit nicht allzu viel passiert und plötzlich entscheidende Szenen viel zu schnell abgehandelt werden.
Und wie immer hält man dank großer Schrift und vieler Absätze zwar ein halbwegs dickes Buch in den Händen, dafür aber relativ wenig Text.
Sprachlich ist Christoph Marzi seinem märchenhaften, poetischen Erzählstil treu geblieben und wenn ich darüber stolpere, dass er seine Figuren etwas mit eigenen Augen erleben statt sehen lässt, dann liegt die Schuld daran vielleicht nicht gleich am Lektorat (das hier und da ein paar kleine Fehlerchen übersehen hat), sondern bloß an meiner überpingeligen Ader.
Möglicherweise hätte Memory als Kurzgeschichte für mich besser funktioniert. Insgesamt ist es zwar eine nette Geschichte mit tollen Schauplätzen, jedoch wurden die vielen guten Ideen nicht ausreichend ausgebaut und die Handlung erinnert in meinen Augen allzu sehr an Heaven, das im Vergleich deutlich besser abschneidet, weil es unverbrauchter und spannender war.
FAZIT: Kennst du eines, kennst du alle. Nur für eingefleischte Marzi-Fans.
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